Simulation der Realität

In eigener Sache: Jeder, der den Berliner Wahlkampf näher verfolgt, weiß seit einigen Wochen, dass newthinking mit für den Online Wahlkampf von Bündnis 90 / Die Grünen verantwortlich ist. Wir machen hier mit unserem Entwicklerteam im Hintergrund die Technik für allerlei Webseiten und Aktionen wie die Seite von Renate Künast oder der Grünen Berlin.

Vergangene Woche startet nun die Aktion „Da müssen wir ran“,die am 05. September 2011 die am 05. August vorgestellt wurde. Auf der Grünen Seite heißt es dazu: „Auf der heutigen Pressekonferenz haben die Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin, Renate Künast, Wahlkampfmanager Heiko Thomas und der Geschäftsführer der Online-Agentur Nest, Daniel Kruse, die grüne Online-Kampagne vorgestellt. „Da müssen wir ran“ ist die Probe aufs Exempel für das Versprechen, dass Berlin mit uns zur Mitsprachestadt wird.“

newthinking hat die Entwicklung der Webplattform übernommen und in den letzten Wochen daran gearbeitet, die Seite für Bürgerinnen und Bürger attraktiv zu gestalten. Außerdem erhalten die Grünen Kommunalpolitikerinnen und -Politiker die Möglichkeit des direkten Kontakts bezogen auf konkrete Missstände in der Stadt. So weit, so gut.

Mir war von Beginn an klar, dass ich die Plattform auch selbst nutzen würde, um auf Missstände und Probleme in Berlin aufmerksam zu machen. Gesagt, getan. Am Wochenende habe ich dann einen Unfallschwerpunkt direkt vor unserem Büro eingetragen, der vielen Radfahrerinnen und Radfahrern bestens bekannt sein dürfte. An der Ecke Torstraße / Schönhauser Allee gibt es gleich mehrere große Probleme, wenn man die Schönhauser Allee hoch will. Zum einen ist da das Vorhandensein eines Bordsteins, der mies und gefährlich ist und auf diesen Radweg einfach nicht hingehört, dann sind es die Autofahrer, die – wenn sie rechts in die Schönhauser abbiegen – noch mal mit Radfahrern von links konfrontiert werden und schlicht die Tatsache, dass die Radler alle (und zum Teil sind das Dutzende zur gleichen Zeit) auf den Fahrradweg gepresst werden und es da häufig zu gefährlichen Situationen kommt. Ich musste dort in den letzten Wochen alleine drei schwere Unfälle (zum Teil mit Kettenreaktionen auf die Gegenspur) mit ansehen. Grund genug für einen Eintrag auf die Plattform, die wir ja gerade gebaut hatten.

Am Dienstag erhielt ich abends einen Anruf aus dem Büro von Renate Künast, dass sich am nächsten Tag einige Grüne das Problem ansehen wollen. Gute Idee, dachte ich, da jeder Tag weniger mit diesen miesen Fahrradfallen toll wäre.

Am nächsten Tag, also am Dienstag 09.08.2011 war dann der Termin auf 12.30h angesetzt. Pünktlich waren alle angekündigten Teilnehmer vor Ort. Mehr noch, auch Stadtrat Jens Holger Kirchner (Grüne) war neben Renate Künast, Ramona Pop und Claudia Hämmerling dabei. Und dazu noch ein Kamerateam der Abendschau (was mich etwas wunderte, da ich eher von einer kleineren Runde ausgegangen war) & einige Fotografen. Was dann passierte ist schnell erzählt.

Gestenreich schilderte ich den Anwesenden die Lage. Allen war klar, dass hier schnellstens was getan werden muss. Renate Künast sprach noch mit einigen Bürgerinnen und Bürgern, Jens Holger Kirchner sicherte eine kurzfristige Befassung mit dem Thema zu und ich konnte nach 15 Minuten wieder an die Arbeit gehen (war ja direkt vor unserem Büro). Fertig dachte ich. Nur leider weit gefehlt.

Schon Minuten nach der Veröffentlichung der Bilder der Besichtigung auf Facebook kamen Reaktionen in Richtung „wie könnte ich das machen!?“ und newthinking und die Grünen würden „Realität simulieren“, sowie „Astroturfing“ praktizieren. Eigentlich schade, da es ja um ein sehr konkretes Problem geht. Aber gut, das Problem der Kritiker hängte sich an der Tatsache auf, dass ich „Agenturchef“ sei und deshalb nicht an so einer Aktion teilnehmen dürfe (vielleicht so wie bei einem Gewinnspiel) und schon gar nicht beim Start dieser Aktion (siehe oben). Bis jetzt, also Mittwoch Mittag, jazzten einige diese Diskussion so hoch, dass Artikel entstanden, die überhaupt nichts mehr mit dem Problem der Fahrradfalle zu tun hatten, ja diese noch nicht mal mehr erwähnten.

Was war also passiert? Wahlkampf ist immer ein schmutziges Geschäft. Im Nachhinein hätte ich wohl besser darauf verzichtet, auf das Problem hinzuweisen, an dem Treffen vor der Tür teilzunehmen und das Problem mit lösen zu wollen, um keine Angriffsfläche zu bieten. Wir sind zwar nur Technologieagentur und nicht Kreativagentur, die sich Strategien in diesem Wahlkampf ausdenkt, aber in der Öffentlichkeit wird das gerade etwas vermischt.

Was ich mir trotzdem wünschen würde: Dass solche Mitmachplattformen nicht nur im Wahlkampf genutzt werden und dass es auch nach dem Wahlkampf neue Wege zur Bürger-Verwaltungskommunikation gibt. Immerhin hat Berlin so viele ungelöste Probleme, die in der Regel von den Bürgern direkt vor ihrer Haustür am ehesten gesehen werden.