Zitty Interview zur a2n: “Wer nicht mitmacht hat Pech gehabt”

Haben Sie das neue Björk-Album auf Ihrem iPhone?

Ich habe nicht mal ein iPhone.

Kein iPhone? Sie enttäuschen mich. Andreas Gebhard, einer der großen Vordenker der Digitalisierung, bleibt außen vor bei der neuesten Pop-Revolution.

Zu meiner Ehrenrettung: Als wir 2009 die erste all2gethernow veranstaltet haben, hieß unser Claim bereits “Reducing the distance between artists and fans“. Viele wussten schon damals, dass die Verkürzung von Vertriebswegen und das Ausschalten von Mittelsmännern das drängende Thema ist. Genau diesen Paradigmenwechsel hat Björk nun exemplarisch vorgeführt, allerdings etwas spät.

Die all2gethernow findet nun zum dritten Mal statt. Wurde bei den beiden bisherigen Auflagen tatsächlich in die Zukunft diskutiert?

Definitiv. Selbst morgens um zehn Uhr war es schon proppenvoll und die Diskussionen beim Barcamp liefen tatsächlich auf Augenhöhe ab. Ein Barcamp ist nun mal eine niederschwellige Form, um Partizipation vieler verschiedener Akteure zu ermöglichen. Für die kommende all2gethernow haben wir zudem mit der „Unconcention Factory“ auch eine Form gefunden, die eindeutig in die Zukunft gerichtet ist: An dem an einem einzigen Tag wird der gesamte Prozess eines Album-Release öffentlich durchgeführt – von Aufnahme und Mastering über Cover- und Poster-Design bis hin zu Website und Digital-Download.

Für das eigentliche Barcamp haben Sie diesmal allerdings die Form verändert. Die Themen werden nun schon im Vorfeld eingereicht. War es bislang zu chaotisch?

Nein, das war nicht der Grund. Wir fanden eher, dass die bisherigen Veranstaltungen, wenn man Barcamps so kennt, vergleichsweise gesittet und geordnet abliefen. Es ging eher darum sicherzustellen, dass wichtige Themen nicht untergehen.

Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnise bei den bisherigen Barcamps?

Es sind schon viele neue Ideen entstanden. Die meisten sind noch nicht ausgegoren, aber es wird viel über neue Modelle, über Crowdfunding, Streaming-Dienste oder Downloading-Formate nachgedacht. Wichtig ist erst mal, dass Räume entstehen in denen über die Veränderungen überhaupt offen gesprochen wird.

Also alles schön?

Nein. Ich dachte nicht, dass die Veranstaltung vergleichsweise wenig Interesse in der klassischen Musikwirtschaft erfahren würde. Zu viele Plattenfirmen und Verbände fahren weiter wie mit Scheuklappen ihr Ding und lassen sich kaum darauf ein, sich selbst mal zu hinterfragen.

Verweigern die sich dann, wenn Sie kommen? Oder tauchen sie erst gar nicht auf?

Sowohl als auch. Das war durchaus eine schmerzliche Erfahrung in der Vergangenheit, regelrecht nicht ernst genommen zu werden. Wir schauen aber nach vorn, will heißen: wer mitmacht ist dabei, wer nicht mitmacht hat Pech gehabt.

Beschäftigt sich die Industrie nicht ausreichend mit dem eigenen Ableben?

Viele sagen tatsächlich immer noch: Das wird schon wieder. Und zu uns: Macht Ihr mal. Die verstehen nicht, dass solche Veranstaltungen wie die all2gethernow keine Beschäftigungstherapie sind, kein Selbstzweck. Die Veränderungen sind da, es müssen neue Wege gegangen werden, um Geld zu generieren. Eine grundlegende Reform wird kommen, da führt kein Weg dran vorbei.

Wie lange können die großen Akteure die Krise noch ignorieren?

Das Grundproblem ist immer noch, dass die Industrie mit der „digitalen Krise“ zu kämpfen glaubt. Aber es gibt keine digitale Krise, es gibt nur eine Anpassungskrise bestimmter Branchen an das digitale Zeitalter. Aber da wird alles, ob Urheberrecht, Künstlerförderung, Vermarktung oder Vertrieb, in einen Topf geworfen, um die Probleme zu verschleiern. Am Schluss wird dann pauschal das Internet verantwortlich gemacht für das Versagen einer Branche, die nicht mit der Zeit gehen will.

Was sind denn die Themen, die diskutiert werden sollten…

…und die bei der all2gethernow auch hoffentlich diskutiert werden. Es geht nicht zuletzt darum, mit den neuen, billigeren Vertriebsmöglichkeiten innovativ umzugehen. Die entscheidende Frage wird sein: Wie verändern sich die Bedingungen für Kreative. Es geht ja nicht nur ums Geld, sondern um Musik als Kulturgut. Wie entsteht Musik an der Schnittstelle zwischen „Do it Yourself“ und „Do it together“. Die Herausforderung ist: Wie ist die Zusammenarbeit zwischen den Kreativen und den Vermarktern, Distributoren und Verkäufern neu zu strukturieren, dass sie für alle fair ist.

Wie kann diese neue Struktur aussehen?

Wenn ich das wüsste, bräuchten wir solche Veranstaltungen wie die all2gethernow nicht. Aber ein Beispiel: Eine Band aus New York, die ich sehr schätze, verkauft keine Alben mehr, sondern ein Poster mit Download-Link. Also ein wertiges Merchandising-Produkt mit der aktuellen Musik. Eigentlich ganz banal, aber die einfachen Ideen sind ja oft die schönsten.

Wird da die Musik nicht degradiert zur Dreingabe, zum Verkaufsgimmick für ein anderes Produkt?

Nein. Früher gab es nur die CD. Nun habe ich den doppelten Vorteil, dass ich ein Poster und das Album bekomme, also einen zusätzlichen Mehrwert. Durch solche Ideen wird Musik aufgewertet – und nicht entwertet. Die Nähe zum Käufer ist intensiver, es entsteht Interaktion, Dialog. Für mich definitiv die sympathischere Art, mit mir als Konsument von Musik umzugehen.

Die all2gethernow findet statt im Rahmen der „Berlin Music Days“. Erst im September fand die „Berlin Music Week“ statt. Wer soll da noch durchblicken?

Die „Music Week“ war eine eher institutionelle Veranstaltung, gruppiert um die Popkomm und das Berlin Festival. Die „Music Days“ sind deutlich authentischer, weil sie selbstständig von Berliner Clubs organisiert werden, die sich bei der „Week“ gar nicht engagiert haben. Man könnte also sagen: Das ergänzt sich.

Was sagen Sie?

Ich finde eher, man müsste diese Kräfte bündeln und insgesamt mehr Wert auf Content und Berlin legen. Meine Frage sind: Was bedeutet eigentlich Digitalisierung? Was bedeutet Berlin? Was haben wir hier an tollen neuen Acts? Das sollte ins Zentrum rücken, nicht irgendwelche Exportbüros wie bei der Popkomm oder das Wiederaufführen von Platten, die vor 15 Jahren gerockt haben, wie beim Berlin Festival. Das ist doch langweilig. Ich glaube auch nicht, dass es noch eine Popkomm geben wird. Wer braucht die denn noch? Aber damit habe ich mich ja schon einmal getäuscht.

Austin in Texas hat das „South by Southwest“, in Reykjavik gibt es die „Iceland Airwaves“. Berlin aber kriegt kein großes Festival samt Kongress hin. Warum?

Erstens: Leute, die sonst Würstchen verkaufen, Schafe oder Reisen, namentlich Messe Berlin, sind vielleicht nicht gerade der richtige Akteur, eine coole Musikveranstaltung auf die Beine zu stellen. Zweitens: Offizielle Kulturinstitutionen der Senatsverwaltung können Mauerfestivals oder die Lange Nacht der Museen organisieren, aber mit den Chefs des Watergate oder des White Trash haben sie halt herzlich wenig zu tun. Diese Kollegen geben sich zweifellos Mühe, aber sie haben eben den Funktionärsblick. Die wohlmeinende Herangehensweise trifft nicht den Zeitgeist. Sie ist nicht das, was wir jetzt brauchen.

Das Interview mit newthinking Geschäftsführer Andreas Gebhard führte Thomas Winkler Ende Oktober 2011. Es ist in leicht gekurzter Version in der Zitty (Heft 23/2011) erschienen.

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