Der Konzern Bayer auf dem Weg in die Offenheit

Open Innovation ist lange kein Nischen-Thema mehr sondern ganz klar an die Zukunft der Arbeit und den Wandel der Gesellschaft gekoppelt. Auch der Großkonzern Bayer macht erste Schritte in Richtung Offenheit und reagiert so auch auf ein sich veränderndes Mindset im Unternehmen.

Andreas Wichmann, unser Open Innovation Lead, hat Michael Graefenstedt, Head of Commercial Business Development der Bayer MaterialScience im Rahmen des SUMMIT OF NEWTHINKING interviewt.


Herr Graefenstedt, Bayer hat vor kurzem sein erstes Crowdsourcing-Projekt abgeschlossen. Im Rahmen des Mission Statements „Science For A Better Life“ und der Corporate Social Responsibility Aktivitäten des Konzerns sind die Klimaveränderung und ihre Folgen ein Thema welches in der Aufgabe „Wie verhindern wir die Ausbreitung von Wüsten?“ wiederzufinden ist. Sind die Vorstellungen und Erwartungen des Bayer-Konzerns bei diesem Crowdsourcing-Projekt erfüllt worden?

Wir haben durch den Wettbewerb eine ganze Reihe von Ideen bekommen, die inhaltlich und fachlich ziemlich anspruchsvoll sind. Das wirklich Überraschende oder Neue war für uns jedoch nicht der Inhalt sondern der Prozess. Für ein Forschungsunternehmen mit einer extrem langen Tradition und einer starken eigenen zentralen Forschung war dieser Crowdsourcing-Prozess etwas, was bis heute undenkbar war: Dass man sich jetzt die Ideen von draußen holt – und zwar systematisch. Nicht nur bei Kunden oder Universitäten, sondern ganz offen. Das ist der Paradigmenwechsel, in dem wir uns gerade befinden.

Ist die Öffnung, wie so häufig, nur am Anfang des Prozesses bei der Ideengenerierung willkommen oder wird die gemeinschaftliche Umsetzung dieser Ideen auch Bestandteil dieses Open Innovation Projekts sein?

Der ganze Prozess wird immer eine Gemeinschaftsarbeit sein. Bayer hat in vielen der erforderlichen Kernaufgaben, wie z.B. Solarenergie, wenig oder nur teilweise Kompetenzen. Wir werden hier auf einer sehr langen Zeitschiene viel mit Partnern und Netzwerken arbeiten. Das ist aber auch unser Verständnis davon, wie man zu guten Lösungen bei komplexen Problemen kommt. Kollaboration schafft neue Chancen um wirklich große Probleme zu lösen.

Die eher freie Kollaboration in Netzwerken ist ja ein völlig anderes Konzept als die übliche Organisationsstruktur in traditionellen Großunternehmen. Wie weit ist Bayer bei diesem Wandel?

Da sind wir noch sehr am Anfang. Das Managen eines hauptsächlich externen Netzwerks, das mehr als die eine Stufe „das ist unser Kunde“ von uns weg ist, ist für uns noch Neuland. Wir sind aber dabei, genau das zu organisieren. Aber wie das am Ende stattfindet, mit welchen Methoden, Werkzeugen und Strukturen, ist für uns noch offen. Da müssen wir noch ausprobieren und lernen.

In den letzten 50 Jahren war das ja eher umgekehrt: Man hat geguckt das man so viel wie möglich inhouse macht um die Wertschöpfungskette zu besetzen. Wo kommt dieser Schwenk zur Offenheit her?

Ich glaube, dass wir da sehr auf gesellschaftliche Tendenzen achten. Ich habe das Gefühl, dass man mehr und mehr sieht, dass innerhalb eines Unternehmens immer nur eine begrenzte Zahl von Experten, Wissen und kreativen Köpfen sein kann. Selbst als Unternehmen mit 100.000 Mitarbeitern sind das eben auch nur 100.000 von 6 Milliarden. Das Internet und die Verbreitung von sozialen Medien eröffnen einfach eine zusätzliche Chance, an andere Ideengeber, andere Ressourcen, andere Erkenntnisse zu kommen als die im eigenen Unternehmen. Der zweite Aspekt ist, dass wir auch sehen, dass die Vorstellungen von Arbeit, die viele junge Leute haben, immer mehr vom klassischen „Ich unterschreibe ein Arbeitsvertrag bei einer großen Firma und bin dann 30 Jahre bei dieser Firma“ weggehen. Ich glaube wir werden immer mehr Leute haben, die das gar nicht wollen. Die sind bereit sich zu engagieren, aber eher themenspezifisch als bei irgendeiner Firma anzuheuern und dort ein klassisches Berufsleben zu starten. Wenn man beides vor Augen hat, wird glaube ich klar, dass man den Bereich Kollaboration und Netzwerke starten und ähnlich gewichten muss wie das, was man innerhalb des Unternehmens macht.

Das waren ja die ersten Schritte die Bayer konkret im Bereich Open Innovation gemacht hat. Ein Anfang mit offenem Ende. Gibt es schon erste gefühlte Veränderungen oder Erfahrungen die einen nachhaltigen Einfluss im Unternehmen haben könnten?

Ich glaube tatsächlich, dass es gerade eine Veränderung des Mindsets im Unternehmen gibt. Ich würde jedoch den Wettbewerb überbewerten wenn ich sagen würde, das liegt jetzt an dem Wettbewerb. Der Wettbewerb ist dadurch, dass er gut gelaufen ist, eher eine Bestätigung im Unternehmen, dass das gar nicht so gefährlich und kritisch ist wie von manchen befürchtet. Also eher eine Unterstützung für diesen Trend den wir sowieso im Unternehmen haben. Für mich war vor allem die Art und Weise wie das interne Projektteam zusammengekommen ist eine ganz tolle Erfahrung. Wir haben nicht, wie das sonst üblich ist, einfach gesagt, wir brauchen jetzt den und den und den – und die werden dann über die Linie in das Projekt abgeordnet. Wir sind stattdessen den Weg gegangen, dass wir dieses Thema „öffentlich“ gemacht haben. Wir haben gesagt: Das ist jetzt ein Projekt. Damit wollen wir uns beschäftigen. Und dann haben wir die Leute gefragt ob sie Interesse haben daran mitzuarbeiten. Wir haben eigentlich überall positive Reaktionen erhalten. Das ist für mich eine völlig neue Art zu einem Projektteam zu kommen. Wir haben natürlich aus rein praktischen Gründen eine Limitation von Leuten für das Kernteam gehabt. Aber der Kreis der Leute die zum Projekt punktuell Betrag geleistet haben war sicherlich nochmal doppelt bis dreimal so groß. Die Motivation der Teilnehmer in so einem Projekt ist einfach eine andere. Das hat extrem gut funktioniert.

Die Offenheit fing also Innen an. Wie sind ihre Hoffnungen für die Zukunft solch neuer Formen der Zusammenarbeit?

Ich glaube in der Tat, dass das wirklich nur der Anfang war, sozusagen das erste Bausteinchen. Wir haben jetzt einen zweiten Wettbewerb gestartet, auch open, allerdings mit einer anderen Zielrichtung, eher produktorientiert. Aber ich denke dass da noch Viele folgen werden. Ich bin davon überzeugt, dass sich Crowdsourcing neben anderen Ansätzen zur Ideenfindung als eine Standardmethode etablieren wird. Das wär für mich die eine Richtung. Die andere ist, dass wir jetzt mal versuchen exemplarisch zu demonstrieren wie eigentlich die nächsten Schritte auf dem Innovationspfad mit Open Innovation Methoden machbar sind. Wir müssen auch mal andere Methoden ausprobieren die nicht bei der Ideengenerierung liegen, sondern bei der Entwicklung, der Finanzierung und was auch immer sich da noch an Themen stellen mag.

Herr Graefenstedt, ich wünsche ihnen viel Glück auf ihrem Weg in die Offenheit und bedanke mich für das Interview.

Andreas Wichmann ist bei newthinking als Experte für Open Innovation als Konzepter und Organisator für offene Projekte tätig. Er befasst sich mit komplexen Gestaltungsprozessen und kollaborativen Organisationsmethoden. Sein besonderes Augenmerk liegt dabei im Bereich der Ideengenerierung und Teilhabe. Neben kommerziellen Projekten gestaltet er verschiedene freie co-kreative Unternehmungen mit und entwickelt dort gemeinsam mit anderen ExpertInnen neue Prozesse und Formen der Zusammenarbeit.