The Future Is Now: die Zukunft der Festivalkuration

Kuratorin und Kulturproduzentin Andrea Goetzke kuratierte die Konferenz Word! im Rahmen der Berlin Music Week. Diese wird es 2015 nicht mehr geben und durch das Festival Pop-Kultur ersetzt: Zeit ein Resümee über die Zukunft und Hürden der Kuration von Musikkonferenzen und -festivals zu ziehen.

Andrea Goetzke

Andrea Goetzke, Foto: cc-by-sa Fabian Zapatka

Andrea kuratierte 2009 mit dem Verein all2gethernow (a2n) die gleichnamige, alternative Musikkonferenz. Der all2gethernow e.V. wurde im Sommer 2009 als Antwort auf die Absage der Popkomm in Berlin gegründet. Innerhalb von 2 Monaten wurden über 100 Workshops und Veranstaltungen zusammengestellt, die sich an Musikproduzenten, -konsumenten und die Berliner Kreativwirtschaft richteten. Im darauf folgenden Jahr veranstaltete der Verein den ersten Kongress der Berlin Music Week, welcher sich als wichtigste Musikkonferenz in Berlin etablierte. Dort tauschten sich Akteure der Musikbranche über Zukunftsmodelle im Bereich der Musikverbreitung, -verwertung und des Schaffensprozesses aus.

Als Kulturproduzentin veranstaltet Andrea zusammen mit Norman Palm und Melissa Perales seit 2011 zudem das Torstraßenfestival. Das noch junge Musikfestival steht für Musik abseits des Mainstreams und möchte den Blick auf aktuelle und relevante Entwicklungen in der Musikszene richten.

Beide Veranstaltungsformate verlangen eine Auswahl an KünstlerInnen und RednerInnen. Im Kulturmanagement spricht man heute von Kuration. Der Begriff der Kuration war stets Museen vorbehalten: Man(n) kuratierte Ausstellungen, Kataloge und historisierte Kunst. Derzeit erfährt der Begriff eine Transformation: So gelten heute DJs, FestivalbookerInnen oder eben KonferenzmacherInnen als KuratorInnen. Dabei nimmt das Ordnen von Musik, Kunst oder Wissen schon selbst einen künstlerischen Stellenwert ein.

Andrea, wie definierst du Kuration?
Zur Kuration gehört aus meiner Sicht – die Entwicklung eines Themas, oder einer Sicht auf ein Thema, einer Perspektive. Die Gestaltung eines Programms, welches die Beiträge räumlich, inhaltlich, performatorisch und sozial anordnet, in einen Kontext setzt, in Auseinandersetzung miteinander bringt, und durch das Zusammenbringen einen Mehrwert an Erkenntnis oder Inspiration schafft, für die Beteiligten und die BesucherInnen.
Der Begriff Kuration wird oftmals im Kontext der Hipsterkritik als Aufwertung der eigenen Person durch das Schmücken mit den Werken von KünstlerInnen abgewertet, und auf das reine Auskennen und die Auswahl von Fotos, Meinungen, Musik à la Tumblr und Facebook reduziert. In der Hinsicht finde ich den Begriff etwas überstrapaziert.

Welches Ziel verfolgst du, wenn du ein Festival- oder Konferenzprogramm zusammenstellst ?
Persönlich finde ich das Ziel der Inspiration sehr wichtig. Das Zusammenbringen von verschiedenen Perspektiven löst vielleicht bei Gästen neue Gedanken aus. Unterschiedliche Musik in neuen Kontexten führt vielleicht zu einer musikalischen Entdeckung. Das kann man natürlich nicht steuern, da es individuell verschieden im Kopf der Gäste passiert, aber ich finde es wichtig, dies – bei aller Kurationspraxis – handlungsleitend im Kopf zu behalten.

Was für Unterschiede gibt es bei der Kuration vom Torstraßenfestival, der Berlin Music Week Konferenz und der ersten a2n-Konferenz?

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Foto: cc by-nc-nd Dieter H. Engler

Ein großer Unterschied besteht darin, ob eine Veranstaltung ein eigenes Projekt oder eine Auftragsarbeit ist. Bei einem eigenen Projekt, wie dem Torstraßenfestival oder der a2n-Konferenz, haben wir in einem kleinen Team überlegt und definiert, was wir inhaltlich mit der Veranstaltung wollen und entsprechend die Kuration durchgeführt.
Bei einer Auftragsarbeit, wie der Kuration der Konferenz der Berlin Music Week, musste man teilweise Auflagen erfüllen, die zum einen schon von vornherein die Ausrichtung mitdefiniert haben und sich auch im Prozess nicht immer rein am kuratorischen Konzept orientierten. Das heißt der Rahmen, in dem man kuratorisch tätig sein konnte, war in dem Fall wesentlich enger gesteckt. Hier war es dann eher die Aufgabe, die Anforderungen der AuftraggeberInnen in einer stimmigen Gesamtveranstaltung zusammenzubringen.

Die Berlin Music Week und die dazugehörige Konferenz Word! verstand sich als Branchentreffen, bei dem MusikproduzentInnen, DienstleisterInnen und MedienvertreterInnen auf der einen Seite sowie KünstlerInnen und Fans auf der anderen Seite zusammenkamen. In diesem Jahr habt ihr euch unter dem Motto Music Released mit der Zukunft der Musikbranche befasst. Vor welchen Herausforderungen standet ihr als KuratorInnen heute im Vergleich zu den 00er Jahren?

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Panel auf der Berlin Music Week Word!

Bei der ersten all2gethernow Veranstaltung in 2009 war die Stimmung in der Musikbranche viel aufgeladener und kontroverser als das mittlerweile der Fall ist. Die Popkomm wurde „wegen Internet“ und Niedergang der Musikindustrie abgesagt, während andere gerade in den digitalen Vertriebs- und Kommunikationswegen die große Chance der DIY Musikwirtschaft sahen. 

Mittlerweile sind da alle Seiten pragmatischer geworden, da die Erfahrungen gezeigt haben, dass weder die Musik und Musikwirtschaft untergegangen sind, noch bestimmte Akteure besonders profitiert hätten. Alle versuchen sich mit den neuen Landschaften zu arrangieren und schauen wo sie ihren Platz finden.

In einem konfliktreich aufgeladenen Umfeld mit offensichtlichen Diskursen liegen die Themen nahe, was die Kuration etwas einfacher macht. Dafür ist es interessanter, die jetzigen Knackpunkte und Herausforderungen herauszuarbeiten, die es natürlich weiterhin gibt.

Durch das Zusammenkommen der verschiedenen Akteure aus der Musikbranche entsteht eine Gemengelage aus verschiedenen Interessen. Thematisch wird ein Spagat vollzogen zwischen Marktanforderungen – also was muss ein/e Musikschaffende/r leisten, um (dauerhaft) auf dem Markt Fuß zu fassen – und natürlich dem Eigenwert der Musik, der sich nicht nach Verkaufszahlen richtet. Wie bildet ihr die Widersprüche als KuratorInnen ab?
Seit Beginn des all2gethernow e.V. habe ich mich dafür eingesetzt, dass wir immer von Musikkultur und Musikwirtschaft sprechen, also Musik sowohl unter kultureller als auch wirtschaftlicher Perspektive betrachten. Bei allen Konferenzen zum Thema Musik, an denen ich beteiligt war, haben wir immer beide Perspektiven eingebracht oder auch zusammengebracht, siehe z.B. der Talk von Andrew Dubber zu Music as Culture beim a2n #camp 2009:

Ein Programmpunkt, welcher beide Perspektiven zusammenbringt war z.B. auf der diesjährigen Berlin Music Week 2014 das Gespräch zwischen Markus Engert und Klaus Walter zu Produktionsbedingungen von Pop-Kultur.

Gibt es durch die Neuerungen in der Musikbranche Wege aus dem Dilemma?
Im Grunde könnte man sagen, dass Streaming hier eine legale Lösung geschaffen hat, mit der viele Menschen für kein oder wenig Geld Zugang zu einem sehr großen Repertoire an weltweit verfügbarer Musik haben, und bei dem die KünstlerInnen und Labels gleichzeitig, je nach Modell, einen Anteil Geld bekommen.
Eine Entwicklung der letzten Jahre ist, dass Pop-Musik zunehmend in den Fokus öffentlicher Förderung gerückt ist, die vormals eher der E-Musik vorbehalten war. Damit trägt ein kleiner Teil an öffentlichen Geldern zum Lebensunterhalt Musikschaffender bei.
Diese Weiterentwicklungen sind gut und interessant, lösen aber das Dilemma bisher nicht auf, und führen zu weiteren Problemen. Dazu gehören neue Abhängigkeiten und Verflechtungen, sowie eine erneute Zentralisierung von Macht und Geld zugunsten großer Wirtschaftsakteure (wie Plattformen, Risikokapitalgeber, Major Labels).
Letztendlich kommt man da zu systemischen Fragen der Finanzierung bzw. Ermöglichung von inhaltlicher Arbeit, die über die Musikwirtschaft hinausreichen.

Der Fokus der Konferenz lag in den letzten Jahren auf der Zukunft der Musikindustrie. Wer sind derzeit die Motoren für Innovation in der Musikbranche? Und was sind die Maßstäbe für Innovation für dich als Kuratorin?
Mmh. Vielfach wird Innovation unter technologischer Perspektive betrachtet und hier fließen auch die größten Investitionen, da man sich in der heutigen wirtschaftlichen Situation verspricht, mit Technologie Geld zu verdienen. Nicht umsonst war es z.B. den Auftraggebern der diesjährigen Berlin Music Week daran gelegen, einen Schwerpunkt auf Technologie-Themen zu legen, da dies im Sinne der Wirtschaftsförderung ist.

Ich persönlich bin eher an inhaltlichen, prozeßhaften, systemischen Innovationen interessiert, und denke, dass hier viel zu wenig investiert und geforscht wird, weil damit erst mal nicht direkt Geld verdient werden kann. Nicht nur in der Musikbranche, sondern ganz im Allgemeinen.

Als Kuratorin eines Festivals und einer Konferenz nimmt man im Gefüge der Musikbranche selbst eine Rolle ein. Du entscheidest gemeinsam mit anderen, welche Themen diskutiert und welche ausgelassen werden. Reflektiert ihr das bei eurer Auswahl mit?
Ja. Das macht ja gerade Spaß und ist das Reizvolle an der Aufgabe, dass man die Möglichkeit hat, Themen zu setzen und Leute einzuladen, die man für wichtig, interessant oder inspirierend hält. Ich finde einen offenen und reflektierten persönlichen Ansatz bei der Kuration wichtig. Ich denke einen ganz neutralen Standpunkt gibt es nicht. Gleichzeitig ist es wichtig, nicht nur vom eigenen Interesse aus zu denken, sondern von dem aus was man meint, dass es dem gesetzten Thema gerecht wird – wobei auch dies wieder durch die persönliche Erfahrung und Perspektive beeinflusst ist.

Weitere Informationen…

zur Berlin Music Week Word! gibt es auf FacebookTwitter und Google+. Videos von der Konferenz findet Ihr auf Youtube.

Die fünfte Edition des Torstraßenfestivals findet am 13. und 14. Juni 2015 statt. Mehr Informationen findet Ihr unter torstrassenfestival.de, Facebook oder über @TSF_Berlin und #TSF15 auf Twitter.

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