„Welche Drogen nehmen Sie denn?“ – Ein Stimmungsbild der Content- & Medienindustrie

Die Digitalisierung hat schon lange einen einflussreichen Einzug in unseren Alltag gefunden. Wer diese Entwicklung verneint, lebt entweder auf einer einsamen Insel oder wird sich wundern was tagtäglich passiert. Das Festhalten an alten Strukturen hat bereits die Musikindustrie hart getroffen – und auch Film- und Fernsehen können sich dem nicht mehr entziehen. Insbesondere sind es jedoch Verlage, die in den medialen Veränderungen noch immer wenig Relevanz zugestehen. Das zeigen die Ergebnisse einer international angelegten Umfrage, initiiert von dem Trend- und Zukunftsforum für die Medien- und Entertainmentindustrie StoryDrive und newthinking communications.

Ergibt sich ein direkt greifbarer Mehrwert ohne tradierte Strukturen verändern zu müssen – wie zum Beispiel im Fall des Ausbaus von Verwertungspotentialen – ist die Offenheit und Bereitschaft der UmfrageteilnehmerInnen am größten. Cross- und transmediale Erzählformen sind bereits bei über der Hälfte der Befragten im Tagesgeschäft angekommen. Dass Inhalte „flexibel und multimedial“ aufbereitet werden müssen, ist durch den zahlreichen, alltäglichen Gebrauch von Technologien wie Smartphones, PCs und Internet auch schwer zu übersehen.

Zurückhaltend bis ablehnend wird jedoch reagiert, wenn das tradierte Selbstverständnis, beispielsweise durch eine zunehmende Partizipation durch User, in Frage gestellt zu sein scheint. Auch technologische Veränderungen werden tendenziell als Gefahr gesehen. So werden insbesondere jene Trends, die eine vermehrte Teilhabe von LeserInnen oder AutorInnen betreffen, überwiegend abgelehnt. Verlage verstehen sich noch immer als Wächter von Qualität und als alleinstehende Autorität im Publikationsprozess von Informationen und Inhalten. Die Möglichkeit eines Rezipienten die inhaltliche Anpassung einer Geschichte an seine Situation zu fordern, wird sogar als Tod der „guten Geschichten“ verstanden.

Auffallend wenn nicht sogar erschreckend sind die Ergebnisse der abschließenden Umfragepunkte: Das Internet der Dinge wird als irrelevant gesehen und eine weite Verschmelzung von Wirklichkeit und Realität durch Technologie sogar als Hirngespinst abgetan. Beispielhafte Kommentare dazu sind „Ich bin der festen Überzeugung, dass die Internetblase bald platzen wird“ oder „Welche Drogen nehmen Sie denn?“. „Es gibt bei vielen der Befragten klare Verharrungstendenzen und die Hoffnung, dass die Veränderungen sie nicht betrifft. Es ist ein bisschen so, als würden Schreiber im 15ten Jahrhundert darauf hoffen, dass der Buchdruck nur eine Modeerscheinung ist.“ kommentiert Andreas Wichmann, Innovations- und Kollaborationsexperte bei newthinking die Umfrageergebnisse. 

Die deutschsprachigen UmfrageteilnehmerInnen nehmen grundsätzlich eine kritischere Haltung gegenüber den Zukunftsvisionen des Projekts ein, als ihre internationalen KollegInnen. Ein Lichtblick bleibt: Die teilnehmenden MedienvertreterInnen haben erkannt, dass sie mit Unternehmen anderer Branchen und Wettbewerbern zusammenarbeiten müssen, um Innovationen voranzutreiben. Open Innovation und interdisziplinäre Teams werden durchaus ernst genommen und ihre Notwendigkeit bejaht.

Willkommen im 21. Jahrhundert!

Umfrage und Studie bauten auf ExpertInneninterviews auf, aus denen sieben Zukunftsszenarien entwickelt wurden. Zu jedem dieser Szenarien gehörten vier aussagekräftige Thesen und die TeilnehmerInnen sollten einschätzen, für wie relevant sie die Thesen für ihre Tätigkeit und ihr Geschäftsfeld erachten. 1.500 Medienvertreter wurden befragt, von denen 71% aus der Printbranche stammen und 53% in kleinen Firmen von bis zu 10 Mitarbeiterinnen beschäftigt sind.

Ihr findet die Ergebnisse auf der Website der Frankfurter Buchmesse, oder könnt Sie euch als PDF auf englisch oder deutsch herunterladen.